Ausgangslage und Zielgruppen
Angenommen, es soll in den nächsten Jahren eine neue europäische Social-Media-Plattform an den Start gehen. Diese Plattform wird entweder durch öffentlich-rechtliche Medienanstalten (ARD, ZDF usw.) getragen, staatlich initiiert oder alternativ als dezentrales Netzwerk organisiert. Ziel ist es, ein nicht-kommerzielles Gegenmodell zu den großen, profitorientierten US-Plattformen zu schaffen. Die Plattform soll hochwertige journalistische Inhalte bündeln und gleichzeitig sozialen Austausch ermöglichen – werbefrei, offen und mehrsprachig für Nutzer in ganz Europa.
Die primären Zielgruppen sind junge Menschen (die “post-TikTok-Generation”) sowie digital affine Erwachsene, eventuell auch die Eltern der Jugendlichen. Die Annahme hierbei: Etwa alle zehn Jahre etabliert sich ein neues soziales Netzwerk – nach Facebook, Instagram und TikTok wäre also um 2030 die nächste große Plattform zu erwarten.
Diese Ausgangslage bringt große Chancen, aber auch kommunikative Herausforderungen mit sich. Im Folgenden wird skizziert, wie wir kommunikativ vorgehen müssten, welche Hürden und Vorbehalteseitens potenzieller Nutzer zu erwarten sind und wie wir argumentativ sowie marketing-strategisch diese überwinden können.
Kommunikativer Ansatz und Positionierung
Ein erfolgreicher Launch hängt maßgeblich von einer klaren Positionierung und überzeugenden Kommunikation ab. Folgende Leitlinien sollten den kommunikativen Ansatz prägen:
Gemeinwohl und Unabhängigkeit in den Vordergrund stellen
Von Beginn an muss vermittelt werden, dass diese Plattform im öffentlichen Interesse agiert – frei von Konzerninteressen und politischer Einflussnahme. Anders als privatwirtschaftliche Netzwerke, die als “privatisierte Öffentlichkeiten” in den Händen weniger Tech-Milliardäre liegen, soll die europäische Plattform eine gemeinwohlorientierte Infrastruktur bieten. Betonung findet, dass die Plattform keiner Regierung direkt unterstellt ist, sondern z.B. durch unabhängige Gremien oder öffentliche Rundfunkanstalten kontrolliert wird, um Neutralität zu gewährleisten.
Klare USP: Qualität, Sicherheit und Datenschutz
Kommunikativ heben wir hervor, dass die Plattform qualitativ hochwertige Inhalte kuratiert (etwa Nachrichten, Bildung, Kultur) und zugleich ein sicherer sozialer Raum für Austausch ist. Wichtige Alleinstellungsmerkmale sind Werbefreiheit und strenger Datenschutz. Nutzer werden nicht zum Produkt gemacht – keine personalisierte Werbeschaltung und keine Weitergabe ihrer Daten zu kommerziellen Zwecken. In Zeiten, in denen Datenmissbrauch und intransparente Algorithmen das Vertrauen erschüttert haben, bietet diese Alternative Transparenz und Nutzerkontrolle.
Jugendgerechte Ansprache & moderne Marke
Trotz der öffentlich-rechtlichen bzw. staatlichen Wurzeln muss das Branding frisch, innovativ und nah an der Lebenswelt junger Nutzer sein. Ein neuer Markenname, der nicht direkt „ARD“ oder „EU-Behörde“ schreit, könnte helfen, Vorbehalte abzubauen. Die Kommunikation sollte in Tonalität und Stil auf Augenhöhe mit der Zielgruppestattfinden – z.B. über humorvolle Social-Media-Clips, Challenges oder Memes – um zu zeigen, dass die Plattform nicht „belehrend“ sondern partizipativ ausgerichtet ist. Bestehende erfolgreiche Formate wie funk (das Content-Netzwerk von ARD/ZDF) dienen als Vorbild dafür, wie man junge Leute mit anspruchsvollen Inhalten auf lockere Art erreicht.
Mehrwert durch Inhalte und Community betonen
Die Mischung aus hochwertigem Journalismus und sozialem Austausch ist ein zentrales Verkaufsargument. Kommunikativ muss klar werden, dass Nutzer hier das Beste aus zwei Welten bekommen: Einerseits verlässliche, faktengeprüfte Informationen (wichtig in Zeiten von Fake News und Desinformation, andererseits die Möglichkeit, diese Inhalte in Communities zu diskutieren, eigene Beiträge zu posten und sich kreativ auszudrücken.
“Informieren und Austauschen am selben Ort” – dieser Mehrwert differenziert die Plattform von bestehenden Netzwerken. Dabei sollte auch die europäische Dimension hervorgehoben werden: Nutzer können Inhalte aus ganz Europa entdecken (durch automatische Übersetzung in ihrer Sprache) und mit Menschen aus anderen Ländern in Kontakt treten, was einen einzigartigen Kultur- und Perspektivaustausch ermöglicht.
Transparenz und Mitbestimmung
Von Anfang an sollte offen gelegt werden, wie die Plattform funktioniert – z.B. transparente Algorithmen (oder zumindest nachvollziehbare Empfehlungsmechanismen) und klare Community-Regeln. Nutzer schätzen es, wenn Moderation und Richtlinien offen kommuniziert werden, gerade weil viele große Plattformen intransparent agieren.
Idealerweise bindet man die Community auch früh ein: Beta-Phasen, in denen Feedback der Nutzeraktiv eingeholt und umgesetzt wird, fördern das Gefühl, dass die Plattform “von uns gemeinsam gestaltet” wird. Dieses Community-Empowerment kann Teil der Kommunikationsstrategie sein (etwa durch Updates, die zeigen, welche User-Vorschläge eingeflossen sind).
Zusammengefasst soll die kommunikative Positionierung lauten: Eine moderne, sichere und gemeinwohlorientierte Social-Media-Plattform aus Europa, die vor allem jungen Menschen einen Ort bietet, sich zu vernetzen, zu informieren und kreativ auszuleben – ohne die Nachteile (Datenmissbrauch, Hate Speech, kommerzielle Gier) der etablierten Netzwerke.
Erwartete Hürden und Vorbehalte der Nutzer
Trotz einer noch so guten Vision gilt es, sich den möglichen Vorbehalten der potenziellen Nutzer ehrlich zu stellen. Erfahrung und aktuelle Stimmungsbilder zeigen mehrere Hürden, die kommunikativ adressiert werden müssen:
Misstrauen gegenüber staatlicher Kontrolle
Viele Nutzer könnten skeptisch sein, ob ein von öffentlichen Stellen initiiertes Netzwerk wirklich frei von politischer Einflussnahme bleibt. Die Idee einer “öffentlich-rechtlichen Social-Media-Plattform” klingt zwar vielversprechend, aber auch staatliche Medien sind nicht automatisch gefeit vor undemokratischen Tendenzen, wie die Entwicklung öffentlich-rechtlicher Sender unter wechselnden Regierungen zeigt.
Gerade in Ländern mit politischem Rechtsruck befürchten einige, eine staatlich finanzierte Plattform könnte zensiert oder propagandistisch missbraucht werden. Diese Sorge um politische Neutralität ist ein zentrales Hemmnis.
Vorwurf mangelnder Neutralität oder Bias
Flankierend zum obigen Punkt gibt es eine generelle Vertrauenskrise gegenüber Mainstream-Medien in bestimmten Milieus. Umfragen zeigen, dass nur ein Teil der Bevölkerung glaubt, ARD/ZDF berichteten politisch ausgewogen – einige halten sie für zu konservativ, noch mehr für “zu links”. Ähnliche Wahrnehmungen könnten auch der neuen Plattform entgegengebracht werden, insbesondere wenn sie von denselben Institutionen getragen wird.
Junge Nutzer kritisieren an öffentlich-rechtlichen Inhalten teils, es fehle “Haltung” bei wichtigen Themen (z.B. Klimawandel), während andere ihnen Agenda-Setting vorwerfen. Diese Wahrnehmungskluft bedeutet: Manche werden der Plattform Voreingenommenheit unterstellen, noch bevor sie sie ausprobiert haben.
Geringe Attraktivität und “Coolness”-Faktor
Ein großes Risiko ist die Annahme der Zielgruppe, dass ein öffentlich initiiertes Netzwerk „langweilig“ oder uncool sein könnte. Viele junge Leute assoziieren öffentlich-rechtliche Angebote mit trockenem Inhalt oder belehrendem Ton. Tatsächlich bescheinigen Jugendliche den klassischen Sendern oft einen geringeren Unterhaltungswert im Vergleich zu privaten Angeboten oder sozialen Medien.
Die neue Plattform muss also gegen das Image ankämpfen, eine Art „Behörden-Facebook“ zu sein. Wenn das Angebot nicht von Anfang an Spaß, Kreativität und trendiges User-Erlebnis vermittelt, könnten junge Nutzer fernbleiben – nach dem Motto: „Dort ist bestimmt nichts los außer Nachrichten.“
Netzwerkeffekt und Gewohnheit
Selbst wenn die Plattform inhaltlich überzeugt, steht sie vor dem Henne-Ei-Problem jeder neuen sozialen App: Menschen sind dort, wo schon ihre Freunde und Lieblings-Creator sind. Die großen etablierten Plattformen haben einen enormen Netzwerkeffekt – ganze soziale Kreise sind dort verankert.
Ein Vorbehalt wird sein: “Warum soll ich zu einem neuen Netzwerk wechseln, wenn alle meine Kontakte auf Instagram/TikTok sind?” Diese Trägheit der Masse und die Komfortzone eingespielter Apps machen die Nutzerakquise schwierig. Hinzu kommt die App-Müdigkeit: Viele zögern, noch eine weitere Social-Media-App zu installieren und regelmäßig zu nutzen, außer es bietet wirklich etwas grundlegend Neues.
Komplexität einer dezentralen Struktur
Falls die Plattform dezentral (föderiert) aufgebaut ist, wie etwa Mastodon im Fediverse, könnten Usability-Hürden auftreten. Durchschnittliche Nutzer empfinden Konzepte wie Server-Auswahl, Föderation oder Interoperabilität als kompliziert im Vergleich zu den One-Stop-Apps großer Anbieter.
Ein Teil der digital affinen Erwachsenen mag dies begrüßen, aber weniger technikversierte junge Nutzer könnten abgeschreckt sein, wenn Registrierung und Bedienung nicht absolut einfach und intuitiv sind. Vorbehalte hier wären: “Das klingt kompliziert – verstehe ich nicht, also lasse ich es.” Jede zusätzliche Hürde im Onboarding-Prozess gefährdet die Massenakzeptanz.
Datenschutz- und Sicherheitsfragen
Paradoxerweise könnte es auch Misstrauen im Hinblick auf Datenschutz geben – obwohl die Plattform gerade damit punkten will. Nutzer fragen sich eventuell, wie ihre Daten genutzt werden und ob staatliche Stellen Zugriff haben. In Zeiten von Hacks und Datenlecks ist Cybersicherheit ein Thema: “Kann ich dieser neuen (noch unerprobten) Plattform meine Daten anvertrauen?” Diese Sorge werden vor allem die digital affinen Erwachsenen haben, die um ihre Privatsphäre besorgt sind. Zwar hat ein europäisches Projekt hier eher Vertrauensvorschuss (starke Datenschutzgesetze), doch Vertrauen muss erst aufgebaut werden.
Kritik am Finanzierungsmodell (Rundfunkbeitrag)
Sollte die Finanzierung – wie vorgeschlagen – über den Rundfunkbeitrag bzw. öffentliche Gelder erfolgen, gibt es sicherlich Stimmen, die das Prinzip der Zwangsgebühr hinterfragen. Gerade junge Menschen, die kaum lineares Radio/TV nutzen, äußern oft Unverständnis, “warum sie für ein Angebot zahlen sollen, das sie kaum nutzen”.
Diese latente Unzufriedenheit mit dem Gebührenmodell könnte auf die neue Plattform projiziert werden: Kritiker könnten sie als weitere Geldverschwendung abstempeln (“Noch ein Projekt, das wir mit unseren Gebühren finanzieren sollen, obwohl keiner danach gefragt hat”). Auch hier spielt Transparenz und Nutzenvermittlung eine Rolle, um diesen Vorbehalt abzubauen.
Zusammengefasst spiegeln die Hürden ein Kernproblem: Vertrauen. Vertrauen darin, dass die Plattform unabhängig und relevant ist; Vertrauen, dass sie Spaß machen kann; Vertrauen, dass es sich lohnt, dort Zeit zu investieren. Entsprechend müssen die Argumente und Marketingmaßnahmen genau an diesen Punkten ansetzen.
Argumentations- und Marketingstrategie zur Überwindung der Vorbehalte
Um die genannten Vorbehalte auszuräumen und die Zielgruppen für die neue Plattform zu gewinnen, ist eine durchdachte Argumentations- und Marketingstrategie nötig. Diese sollte proaktiv die Skepsis adressieren und die Vorzüge des Angebots erlebbar machen. Im Folgenden die zentralen strategischen Ansätze:
Unabhängigkeit und Transparenz betonen
Gegen die Angst vor staatlicher Lenkung hilft nur, immer wieder glaubhaft zu versichern (und beweisen), dass die Plattform politisch neutral und unabhängig agiert. Kommunikationsstrategie: klare Botschaften über die Governance-Struktur – z.B. ein unabhängiger Stiftungsrat aus Journalisten, Wissenschaftlern und Bürgervertretern könnte die Aufsicht führen, um politische Einflussnahme auszuschließen. Dieses Konzept der “vierten Säule” neben ARD, ZDF und DLF unterstreicht, dass es keine Regierungs-App ist, sondern ein öffentliches Gut.
Transparenz-Initiativen – etwa jährliche Berichte, öffentliche Diskussionsrunden mit den Betreibern, AMA (Ask Me Anything)-Sessions mit den Machern – können helfen, Vertrauen aufzubauen. Die Botschaft: “Diese Plattform gehört euch, den Bürgern, und nicht irgendeinem Politiker oder Tech-Mogul.”Hinweise darauf, dass Inhalte ohne politischen Filter und nach journalistischen Standards aufbereitet werden, untermauern dies. (Beispielsweise: “Algorithmus zeigt, was relevant und neu ist, nicht was einer Partei gefällt” – gestützt durch unabhängige Prüfungen).
Gemeinwohl und europäische Werte als Narrativ
Die Marketing-Kampagne sollte die größere Vision dahinter greifbar machen – nämlich den Erhalt eines pluralistischen, demokratischen Kommunikationsraums in Europa. Dieses Narrativ kann positiv aufgeladen werden: “Europa vernetzt sich – alle Sprachen, alle Kulturen, ein Netzwerk”. Betonung, dass die Plattform der Stärkung von Demokratie und Meinungsvielfalt dient, kann durchaus ziehen – gerade bei Eltern und engagierten jungen Erwachsenen.
Hierbei kann man Storytelling nutzen: z.B. kurze Doku-Spots über Menschen aus verschiedenen Ländern, die über die Plattform ins Gespräch kommen und Vorurteile abbauen, oder wie professioneller Journalismus gegen Fake News unterstützt wird. Solche Geschichten vermitteln emotional den Sinn des Projekts.
Der Appell an digital sovereignty (digitale Eigenständigkeit Europas) kann ebenfalls ein Argument sein: “Unsere Daten und Diskurse gehören in unsere eigenen Hände – lasst uns ein europäisches Netzwerk groß machen, statt von Silicon Valley abhängig zu sein.”
Datenschutz und Werbefreiheit als Vorteil kommunizieren
Um sicherheitsbewusste Nutzer wie auch Eltern zu überzeugen, wird offensiv herausgestellt: „Deine Daten gehören dir. Keine Werbung, kein Tracking, keine Verkaufstricks.“ Dieses Versprechen lässt sich konkret untermauern – etwa durch Erwähnung der GDPR-Konformität und dass der gesamte Betrieb durch öffentliche Finanzierung gedeckt ist, ohne kommerziellen Druck. So kann argumentiert werden: “Wir müssen deine Aufmerksamkeit nicht verkaufen – du kannst dich frei bewegen, ohne dass ein Algorithmus dich süchtig machen oder dir etwas andrehen will.”
Gerade in der heutigen Social-Media-Landschaft, wo viele vom Overkill an Werbung und Influencer-Sponsoring genervt sind, ist Werbefreiheit ein spürbarer Pluspunkt. Diese Punkte sollten in jeder Kommunikation hervorstechen, sei es auf der Website („Unsere Prinzipien“) oder in Werbekampagnen. Beispielsweise könnten Visuals gezeigt werden: ein Feed ohne Bannerwerbung, im Kontrast zu einem typischen Werbe-überladenen Facebook/Instagram-Screenshot, um dem Nutzer bildlich vor Augen zu führen, wie aufgeräumt und angenehm das Erlebnis sein wird.
Attraktive Inhalte und Creator-Kooperationen
Um dem Boring-Image entgegenzuwirken, muss die Plattform von Anfang an spannende, jugendaffine Inhalte vorweisen. Marketingstrategie: bereits zum Launch werden beliebte Creator, Influencer und junge Journalismus-Talente an Bord geholt, die exklusive Inhalte auf der neuen Plattform anbieten.
Wenn z.B. bekannte YouTuber, TikToker oder Podcaster ankündigen, dass sie auf der Euro-Plattform Live-Q&As, Specials oder Communities betreiben, schafft das Zugkraft. Kooperationen mit bestehenden erfolgreichen Formaten (wie funk-Formaten, beliebten Podcasts etc.) können Inhalte liefern, die Unterhaltung und Relevanz verbinden.
Wichtig ist, in der Kommunikation hervorzuheben, was man dort erleben kann, was anderswo fehlt – seien es interaktive Formate, tiefere Einblicke hinter News-Themen, direkte Chats mit Prominenten oder auch einfach kreative Tools für User-Generated-Content. Das Motto: “Hier passiert was!” – die Plattform als lebendiger Ort, wo nicht nur Nachrichten gelesen, sondern Trends geschaffen werden.
Gamification-Elemente oder Challenges könnten beworben werden, um spielerisch zur Nutzung zu motivieren. Insgesamt muss die Kampagne ein Gefühl von FOMO (Fear of Missing Out) erzeugen: “Verpass nicht die nächste große Community – deine Freunde und Lieblings-Stars sind schon dabei!”
Community-Building und Partizipation
Ein Schlüssel zum Erfolg ist es, früh eine starke Community-Identität aufzubauen. Argumentativ sollte vermittelt werden, dass Nutzer hier Mitgestalter sind, nicht bloß Konsumenten. Marketing-Maßnahme: Launch in geschlossenen Beta-Communities (z.B. ausgewählte Unis, Schülergruppen, Esport-Communities, Klimaaktivisten-Gruppen etc.), die als erste Zugang bekommen und das Gefühl von Exklusivität erleben. Diese Early Adopters können als Markenbotschafter wirken, sofern sie begeistert sind. Ihre Erfahrungsberichte (“Wir durften schon rein und es war mega – endlich eine Plattform, die auf uns hört”) kann man über Social Media weiterspielen.
Zudem sollte die Plattform offizielle Community-Events oder Foren anbieten, wo Nutzer ihre Ideen einbringen können. Die Kommunikationslinie: “Diese Plattform wächst mit euch – wir hören zu und entwickeln sie nach euren Wünschen weiter.” Dadurch fühlen sich vor allem digital affine Erwachsene ernst genommen und Jugendliche erleben, dass ihre Stimme zählt.
Wettbewerbe (z.B. Voting über neue Features, Designcontests für Profil-Seiten etc.) können die Partizipation fördern. Insgesamt wird so aus einem abstrakten Projekt “der Plattform der Öffentlichen” “unsere eigene Community” – eine emotionale Bindung, die über rein rationale Argumente hinausgeht.
Multi-Plattform-Marketing: Dort präsent sein, wo die Zielgruppen sind
Um die breite Masse zu erreichen – gerade jene, die in bestehenden Netzwerken feststecken – müssen wir in diesen Netzwerken selbst Präsenz zeigen. Konkret: Werbekampagnen und Content-Seeding auf Instagram, TikTok, YouTube, Snapchat etc. Hierbei empfiehlt sich kreative Ansprache: kurze virale Clips, die neugierig auf die neue Plattform machen, Challenges, bei denen man die neue App nutzen muss, oder Hashtag-Aktionen, die parallel auf alten Netzwerken und der neuen Plattform stattfinden. Beispielsweise könnte ein bekannter TikTok-Creator in einem Video erzählen, warum er nun zusätzlich auf der neuen Plattform aktiv ist (Stichwort: bessere Inhalte, weniger Hass, direkter Draht zur Community), und die Follower einladen, ihm dorthin zu folgen.
Cross-Promotion durch die öffentlich-rechtlichen Medien ist ebenfalls goldwert: Spots im Fernsehen, Hinweise in beliebten Podcasts, Banner auf Nachrichten-Websites – all das kann genutzt werden, um alle Generationen auf das neue Angebot aufmerksam zu machen. Eltern erreicht man evtl. über klassische Kanäle mit Botschaften wie “Ein sicherer Ort für junge Menschen online”, während man die Jugendlichen eher über Social-Media-Trends ködert (“Schon angemeldet? Die ersten 100k User bekommen z.B. ein besonderes Badge” o.Ä.). Ein koordinierter Marketing-Mix stellt sicher, dass innerhalb kurzer Zeit ein hoher Bekanntheitsgrad erzielt wird.
Adressieren der Gebühren-Frage und Nutzen argumentieren
Gegenüber der immer wieder auftauchenden Kritik “Warum mit Rundfunkbeiträgen finanzieren?” muss eine sachliche, aber bürgernahe Argumentation gefahren werden. Wichtig: Transparenz, wofür das Geld eingesetzt wird, und dass kein extra Beitrag erhoben wird (d.h. Finanzierung aus dem bestehenden Rundfunkbudget). Man kann herausstellen, dass die Plattform im Prinzip eine Weiterentwicklung des öffentlichen Auftrags ist – so wie Bibliotheken oder Bildungsangebote im Digitalen.
Die Kommunikation könnte lauten: “Ihr habt dafür bereits gezahlt – holt euch jetzt auch den Gegenwert ab!”. Indem man den Service als kostenfrei für den Nutzer positioniert (weil er durch die Gemeinschaft finanziert ist), dreht man das Argument ins Positive: Es ist kein Paywall-Angebot, kein Abo – jede/r kann direkt teilhaben, ohne zu zahlen.
Gleichzeitig sollte aber gezeigt werden, dass die Gelder sinnvoll investiert sind: etwa in Form von “Ihr wolltet bessere digitale Angebote – hier sind sie. Schaut, das wurde alles mit eurer Unterstützung geschaffen”. Eventuell helfen Vergleiche oder Zahlen, z.B.: “Für weniger als 0,1% des Rundfunkbudgets schaffen wir eine Plattform, die Millionen Menschen nutzen können – ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis im Vergleich zu XY.” Wenn Leute das Gefühl haben, der öffentlich-rechtliche Rundfunk stellt sich modern auf und liefert Mehrwert, werden sie eher bereit sein, das zu akzeptieren.
Kontinuierliche Erfolgskommunikation und Anpassung
Abschließend gehört zur Strategie, Erfolge sichtbar zu machen. Sobald z.B. Meilensteine wie „1 Million Nutzer“ erreicht sind oder besonders tolle Inhalte/Communities entstanden sind, sollte das in PR und Social Media kommuniziert werden. Erfolgsgeschichten von Nutzern – z.B. die Jugendliche, die dank der Plattform ein europäisches Projekt gestartet hat, oder der Influencer, der dort eine Hassfreie Community aufbauen konnte – dienen als Testimonials. Diese steigern das Vertrauen der Nachzügler (niemand will auf einer toten Plattform sein).
Zudem ist ein offenes Ohr für Kritik entscheidend: Sollte es anfängliche Pannen oder Kontroversen geben, muss das Kommunikationsteam schnell reagieren, Probleme eingestehen und Lösungen anbieten. Diese Fehlerkultur und Dialogbereitschaft unterscheidet das Angebot hoffentlich positiv von den großen Tech-Plattformen und untermauert die Glaubwürdigkeit der Macher.
Durch diese Kombination aus starken Argumenten (Gemeinwohl, Datenschutz, Qualität, Unterhaltung) und geschickten Marketingmaßnahmen (Influencer-Power, Multi-Channel-Kampagnen, Community-Involvement) lässt sich den meisten Vorbehalten wirksam begegnen. Es gilt, ein Narrativ zu schaffen, in dem die Nutzer erkennen: “Dieses Netzwerk ist anders und besser – es ist für uns gemacht, nicht um uns auszunutzen.”Gelingt dies, stehen die Chancen gut, dass die Plattform binnen der nächsten fünf Jahre genügend kritische Masse und Akzeptanz erreicht, um tatsächlich die nächste relevante Social-Media-Generation einzuläuten – ganz im Sinne der europäischen Idee und zum Nutzen der Nutzer selbst.
Quellen:
- https://www.spdfraktion.de/presse/interviews/idee-europaeischen-plattform
- https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/gruene-wahlkampf-soziales-netzwerk-gebuehrenfinanziert-100.html
- https://www.deutschlandfunk.de/forderungen-nach-oeffentlich-rechtlichen-sozialen-medien-100.html
- https://www.merkur.de/welt/unfassbarer-hass-auf-ard-zdf-junge-menschen-oeffentlich-rechtliche-tv-fernsehen-zr-93682326.html
- https://netzpolitik.org/2025/mehr-informationen-wagen-wie-eine-europaeische-medienplattform-die-demokratie-schuetzen-koennte/
- https://taz.de/Forscherin-ueber-Social-Media-der-Zukunft/!5991826/
Daniela Vey
Seit 2004 als leidenschaftliche Informationsdesignerin selbständig. Neben meiner Tätigkeit als Dozentin für verschiedene Hochschulen und Akademien, vermittle ich mit Begeisterung mein Expertenwissen in den Bereichen Social Media, Design und User Experience. Auf der AllSocial-Konferenz trifft man mich als Moderatorin und Speakerin.
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